seelenruhig

Wenn die Kerze brennt

Wenn die Kerze brennt

Meinen Vormittagsdienst hatte ich mir an diesem Tag sicher anders vorgestellt…
Als ich an der Türe klingelte und der Zivi mir öffnete sah ich zwei Kerzen im Vorraum brennen. Es ist im Hospiz üblich eine Kerze anzuzünden wenn ein Gast verstorben ist. Die Kerze brennt, solange der Verstorbene im Hause weilt. Es waren also zwei Gäste, die gestorben waren.
Folglich gab es sehr viel zu tun an diesem Tag und alle Hände wurden gebraucht. Als mich die Pflegedienstleiterin fragte, ob ich ihr helfen würde, Herrn L., der am Morgen verstorben war, zu richten, zögerte ich keinen Augenblick. Diese Erfahrung war für mich vollkommen neu – noch nie war ich einem Verstorbenen so nahe gewesen. Herr L. wurde gewaschen und ein letztes Mal angekleidet. Am Schluss lag er friedlich auf dem Bett, zugedeckt mit einem wunderschönen weißen Spitzentuch und einer Blume in den Händen. Das Zimmer wurde aufgeräumt, alle Dinge, die an die Krankheit erinnerten entfernt, das Telefon abgestellt. Vögel kamen an das Vogelhäuschen am Fenster, die Dezembersonne schien herein und ein tiefer Frieden breitete sich im Zimmer aus. Auch in mir selbst breitete sich dieser Frieden aus mit dem Gefühl „Genau so muss es sein – so ist alles richtig“. Wenn ich an diesen Vormittag zurückdenke, bin ich immer noch zutiefst beeindruckt von der Stimmung, die in diesem Raum herrschte –
respektvoll und voller Würde. Nie, dachte ich mir, ist ein Mensch so hilflos anderen ausgeliefert wie in der Stunde seiner Geburt und der seines Todes.
Was ich heute erlebt hatte, bestätigte mich einmal mehr im meiner Achtung vor der Hospizarbeit und ich fühle mich geehrt, das Hospiz Haus Brög zum Engel durch meine Hilfe ein wenig unterstützen zu dürfen.

(Bericht aus meinem Ehrenamt – geschrieben für einen der Jahresberichte der vergangenen Jahre)

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Foto: in Altruds Zaubergarten in Pont Saint Esprit – Provence