Der Schmetterlingssammler

 

Als ich mich neben sie stellte, griff sie nach dem Spitzensaum eines Kopfkissenbezugs und bat mich zu fühlen, wie glatt er war  – wie Kinderhaut. Ich betastete den Stoff, der sich so zart und dünn anfühlte, als zerfiele er gleich zwischen den Fingern. Anna erklärte, dies sei ihr ältester Bezug, seit ihrer Kindheit begleite er sei, solange sie zurückdenken könne. Er sei so weich, dass nichts ihre Träume störe. Anna konnte sich nicht vorstellen, wie der Stoff all diese Jahre überstanden hatte – so vieles war zerfallen, vergangen, verloren. Sie könne es sich nur so erklären, dass der Mensch mit dem Alter leichter werde: Nachts fange der Kopf an zu schweben und berühre das Kissen kaum.

 

Joel Haahtela – Der Schmetterlingssammler

 

schmetterling

 

 

Foto: Insel Mainau – Schmetterlingshaus
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