seelenruhig

Guter Ton – gutes Benehmen

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Mein Sohn hat – so habe ich inzwischen von ihm erfahren – über die Weihnachtsferien eine Strafarbeit aufgebrummt bekommen.
Der Musiklehrer gab ihm einen Text zum Auswendig-Lernen auf. Warum können wir uns denken. Es genügt zu wissen, dass mein David ein sehr netter Kerl ist, aber eben 15 Jahre alt, halbstark und wie die meisten Jungs in diesem Alter, gerne ein bisschen provoziert und schnell mal einen flotten Spruch auf den Lippen hat. Der Text des Musiklehrers heißt bezeichnenderweise „Kann man guten Ton lernen?“ – doppeldeutig, feinsinnig, und der Mann ist mir (das darf ich David natürlich nicht sagen) unbekannterweise sympatisch.

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Kann man guten Ton lernen?

Auch bei dieser Frage muss man die äußeren Formen des guten Benehmens von den inneren Voraussetzungen trennen. Die äußeren Formen kann man erlernen, und zwar noch als erwachsener Mensch. Zwar ist eine gute Kinderstube, in der schon die kleinen Buben und Mädel die Grundgesetze des guten Benehmens zwanglos lernen, eine schwer ersetzbare Grundlage. Aber auch in späteren Jahren wird die Schule des guten Tons noch mit Erfolg besucht werden können, wenn man den ehrlichen Willen zum Lernen hat und – hier kommen wir wieder auf die inneren Voraussetzungen – angeborenes Taktgefühl mitbringt und die Herzenswärme, die jedem Gesetz überhaupt erst Leben und Daseinsberechtigung gibt,
Hat man dieses Taktgefühl und diese Herzenswärme nicht, dann steht es allerdings schlimm mit dem Vorwärtskommen auf der Schulbank des guten Tons! Aber auch dann ist nicht alles verloren. Dann sollte man sich wenigstens um die Einsicht bemühen, dass am eigenen Selbst doch allerhand zu reparieren sei und dass, wie Goethe einmal schreibt, das höchste Glück das sei, „welches unsere Mängel bessert und unsere Fehler ausgleicht“. Wenn das alles.nichts nützt, dann muss man auf den kalten Verstand hören und auf die Erfahrung bauen, die man beim Umherblicken in der Welt tagtäglich machen kann: dass nämlich ein gutes Benehmen nicht das schlechteste Mittel ist, um in der Welt vorwärtsznkommen, daß Burschikosität vielleicht eine kleine Weile ganz originell oder drollig, auf die Dauer gesehen aber abgeschmackt und langweilig ist.

Wie lernt man nun guten Ton? Aus Büchern z.B., in Kursen und nicht zuletzt, indem man die Augen offen hält und sich gewandte, im Auftreten sichere Menschen zum Vorbild nimmt. Dabei wird man schnell merken, daß gute Umgangsformen auch nicht das geringste mit jener hochmütigen. Blasiertheit und Geziertheit zu tun haben, die manche Snobs männlichen und weiblichen Geschlechts für vornehm halten, sondern daß Umgangsformen um so besser sind, je zwangloser und gelassener man sie zur Schau trägt. Tmmer aber bleibt eins wichtig: daß man zwar lernen kann, ob man ein Brötchen beim Essen mit dem Messer schneidet oder mit der Hand zerbricht, nicht aber, ob man in der Eisenbahn einem älteren Herrn den schweren Koffer ins Gepäcknetz heben hilft. Hier müssen Herz und Taktgefühl instinktiv entscheiden.
Noch einmal ein Wort an die Bequemen, die Eingebildeten, die Saloppen, die da alle meinen,gutes Benehmen nicht nötig zu haben. Wenn sie auf einer einsamen Insel lebten, könnte man m ihnen ruhig überlassen, ob sie sich eines anständigen Umgangstones befleißigen oder nicht. Aber wer unter Menschen lebt, muß sich einfügen, wenn der Friede des gemeinschaftIichen Zusammenlebens erhalten bleiben soll. Einem Genie, einem wirklichen Original sieht man vielleicht nach, wenn es sich gehen läßt. Wie selten aber sind Genies, wie dünn gesät wirkliche Originale! Den gewöhnlichen Sterblichen klassifiziert die Welt nun einmal je nach seinem Benehmen ein, je nach der Schwingungszahl sozusagen des guten Tons, dessen er sich im Umgang mit der Welt befleißigt. Daß diese Schwingungszahl die Harmonie der Weltmusik nicht störe – ist das nicht ein schöner Grund, guten Ton zu lernen?

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Letzte Woche – noch im Urlaub – machten wir einen kleinen Tagesausflug in die Schweiz…
Um die Mittagszeit landen wir in einem netten, italienischen Restaurant – offensichtlich Treffpunkt vom mittleren bis höheren Management zum Mittagstisch. Man sieht sich um und entdeckt einige gutaussehende Männer, sportlich-schick gekleidet – ist sehr angetan – schaut wohlwollend immer wieder schräg rüber, bis…. ja, bis das Essen kommt und die tollen Typen anfangen zu … FRESSEN – ja, das ist wohl der richtige Ausdruck für das, was diese Ferkel tun.
Wie kann äußeres Erscheinungsbild und Benehmen bei Tisch (oh je – wo sonst wohl noch???) dermaßen auseinanderklaffen!!!
Frau dreht sich angewidert weg und freut sich umso mehr an ihrem charmanten Begleiter, dem besten Mann von allen, mit dem sie nun genüsslich und gepflegt speisen wird…

Foto Orchidee in meinem Badezimmer: pour Brigitte – pour que tu vois comme elle est belle en ce moment, l’orchidée que tu m’as offert en 2006!!

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